So, das wichtigste gleich zu Beginn, um eventuell einsetzende Schnappatmung bei kradria direkt im Keim zu ersticken: Keine Witze heute, nur bitterer Ernst und 100%iger Fokus auf den Radsport. Immerhin haben wir hier den Höhepunkt unserer diesjährigen Übertragungen auf dem Programm. Nach Chile und Serbien kann nur noch Luxemburg folgen, was denn auch sonst!?
Topographisch gesehen eines der kleineren Länder des Planeten, aber trotzdem ein Land, dass immer mal wieder Fahrer hervorbringt, die es in die Weltklasse des Sports schaffen. Der eine oder andere hat das sicherlich auch für den prominentesten Starter dieses Feldes, Bob Jungels, vorhergesagt, komplett konnte er die Erwartungen aber nicht erfüllen, abseits eines magischen April-Tages im Jahre 2018 mit einem Solosieg in Lüttich, welches ihn zum Monument-Sieger gemacht hat. Zweifellos hat er aber natürlich insgesamt eine starke Karriere hingelegt, in den letzten beiden Jahren allerdings mehr als Helfer für jüngere Kapitäne. Der Name Jungels ist also immer noch klangvoll, ist er aber realistisch betrachtet noch immer der beste Profi seines Landes? Wir werden sehen.
Beginnen wir mit dem Zeitfahren: Von den Amateuren war es Michel Ries der die Bestzeit aufstellen konnte, die in der Folge nur noch von den sechs am Start befindlichen Profis angegriffen wurde. Den Anfang davon machte mit Mathieu Kockelmann der einzige Vertreter aus einem Development Team, der U23-Vertretung von Lotto. An der Zwischenzeit knapp hinter Ries, fuhr er eine stärkere zweite Hälfte und konnte sich mit 5 Sekunden Vorsprung an die Spitze des Tableaus setzen.
Es folgte Mats Wenzel, der 5. vom Vorjahr und der war im Vergleich zum Führenden stark unterwegs. Klare Führung bei Halbzeit, kein weiterer Zweifel im Zielbereich und eine klare neue Bestzeit, 32 Sekunden vor Kockelmann. Könnte eine Verbesserung zum Vorjahr bedeuten, aber das war noch nicht sicher.
Es folgte Arthur Kluckers von Soudal und auch das war nicht knapp im Vergleich zu Wenzel vor ihm. Das ganze Rennen über besser unterwegs und am Schluss war es genau eine halbe Minute weniger und damit eine neue klare Bestzeit.
Bisher mit jedem Profi eine neue Bestzeit, mal schauen wie lange sich der Trend noch fortsetzen kann. Alex Kirsch war der nächste and the trend was his friend. Klare Bestzeit am ersten Messpunkt und dann ein kontrollierter zweiter Abschnitt und eine weitere neue Bestzeit. Nochmal 21 Sekunden schneller als Kluckers, der damit weiter um eine Medaille zittern musste.
Als vorletzter Fahrer dann der erwähnte große Name: Bob Jungels. Rekordmeister sowohl im Zeitfahren als auch im Straßenrennen. Wie viele Titel können da in diesem Jahr dazu kommen? Möglicherweise gar keiner? Sein Anfang war heute jedenfalls nicht gut. 18 Sekunden hinter Kirsch an der Zwischenzeit, exakt die gleiche Zeit wie Kluckers. Bahnt sich da etwas an? Jungels mit aller Erfahrung auf dem Weg ins Ziel und da wurde es dann tatsächlich spannend. Mit Einfahrt auf die Zielgerade noch alles möglich, starke Renneinteilung von Jungels, aber die Sekunden tickten unerbittlich runter und die Uhr drehte sich tatsächlich von Minus auf Plus. 3 Sekunden fehlten am Schluss auf Kirsch und Titel Nummer 1 war zumindest für Jungels weg.
Es fehlte noch der Vorjahresssieger Kevin Geniets. Letztes Jahr allerdings ein Wettbewerb ohne die drei aktuell Führenden, mal sehen wie viel das hier ausmacht. Kurze Antwort: Eine ganze Menge. Geniets nie ein Kandidat für die ersten beiden Plätze und auch Bronze war am Ende keine Option. 43 Sekunden Rückstand auf den neuen luxemburgischen Zeitfahrmeister Alex Kirsch und damit hinter Bob Jungels und Arthur Kluckers auf den weiteren Podiumsplätzen nur Platz 4 für Kevin Geniets. Dessen ganzer Fokus jetzt natürlich auf dem Straßenrennen. Mit einem jubelnden Alex Kirsch geben wir aber zunächst ab in eine Pause.
Die hiermit auch direkt wieder beendet ist. Das gleiche Feld am Start wie beim Zeitfahren: 6 Profis, 5 1/2 Teams, da die beiden Teams von Lotto hier vermutlich gemeinsame Sache machen werden und mit Kockelmann sowie Jungels die einzige Doppelbesetzung des Rennens stellen. Mal sehen, was für einen Unterschied das in der Endabrechnung macht.
Zu Beginn gar nicht so viel. Die Profis beäugten sich gegenseitig, gleichzeitig gab es aber einen offensichtlichen Nicht-Angriffspakt. Wollten sich mal mehr als 4 Amateure absetzen, zog mal der eine oder andere Profi kurz mit, der einzige Effekt war aber ausnahmslos, dass alles wieder zusammenlief. Tendenziell Kockelmann mit etwas mehr Arbeit, Jungels mit etwas weniger. Da aber auch andere ambitionierte Amateure mit durch die Führung gingen, waren die Unterschiede im Kraftaufwand unerheblich.
Letztlich durfte sich mit Arno Wallenborn und Mil Morang zwei Fahrer absetzen, die aber nie mehr als 3 Minuten Vorsprung bekamen und mit dem Ausgang des Rennens am Ende nichts zu tun hatten.
Bei KM 80 wurde das Rennen dann unter den Profis eröffnet. Mats Wenzel mit der ersten Attacke und die saß gleich zumindest so weit, dass nur noch knapp über 10 Fahrer vorne blieben. Die anderen Profis konnte er allerdings noch nicht abschütteln.
In der kleineren Gruppe erhöhte sich damit aber der Führungsanteil von Mathieu Kockelmann, der sich hier offensichtlich für Jungels einspannte. Auch die übrigen Profis konnten so aber ein paar kürzere Führungen einstreuen und sich weiter gegenseitig angucken.
Wenzel war dann auf den folgenden Runden weiter der größte Aktivposten, konnte aber keinen relevanten Schaden mehr anrichten.
18 KM vor dem Ziel kam dann aber, was nach dem bisherigen Verlauf erwartet werden konnte; der Antritt von Bob Jungels. Kockelmann sofort raus aus der Verlosung und auch Arthur Kluckers in Schwierigkeiten. Jungels zog den Anstieg von der Spitze über durch und konnte so Kluckers endgültig abschütteln. Die anderen drei Profis aber immer noch dabei, vier Leute also in der Entscheidung: Bob Jungels, Mats Wenzel, Alex Kirsch und Kevin Geniets.
Was folgte war das übliche Pokerspiel: Der eine tritt an, der zweite lässt eine kleine Lücke, der dritte schließt sie schnellstmöglich und der vierte lutscht sich wieder ran. Jungels und Wenzel mit weiteren Versuchen, aber auch Kirsch und Geniets wollten nicht alles auf einen Bergaufsprint setzen.
Am Ende ließ dieser sich aber nicht vermeiden und alle vier gingen gemeinsam auf den letzten Kilometer. Wenzel verlor dann als erster die Nerven und probierte es mit einem langen Sprint. Kirsch sofort am Rad. Geniets kurz eingeklemmt, ebenso Jungels.
Wenzel von vorne, aber das wird sich nicht ausgehen, Kirsch schon auf dem Weg an ihm vorbei. Geniets jetzt auch mit Luft nach vorne und auf dem Weg nach vorne. Der Jüngste wird es nicht werden, Wenzel gehen die Beine aus. Der Älteste wird es auch nicht werden, Jungels fehlt die Spritzigkeit. Geniets aber jetzt auf Betriebstemperatur, greift Kirsch an. Das wird ganz eng, so viel ist klar. Geniets mit der höheren Geschwindigkeit, aber der Platz geht aus. Seite an Seite gehen sie über die Ziellinie. Ich bin mir von vorne nicht sicher, aber Kevin Geniets reißt die Arme nach oben und man sagt ja immer, die Fahrer wissen es am besten. Und noch bevor wir in die Zeitlupen gehen müssen, bestätigt sich das Bild, denn Alex Kirsch klopft seinem Kontrahenten auf die Schulter und gratuliert zum Straßentitel. Geniets also neuer luxemburgischer Straßenmeister, hauchdünn vor Alex Kirsch. Dahinter Wenzel für seinen frühen Antritt immerhin noch mit Bronze belohnt, Jungels nur auf 4.
Kein Doppelmeister dieses Jahr, kein Jungels-Sieg trotz Anwesenheit und, wie versprochen, kein Schwachsinn aus der Kommentatorenkabine. Von dieser Ernsthaftigkeit des Seins muss ich mich jetzt erstmal ein Jahr erholen, wir lesen uns nächstes Jahr bei den nationalen Meisterschaften wieder, vielleicht dann sogar wieder mit Eseln oder Frauen aus dem Horizontalgewerbe.
"Irren ist menschlich", sprach der Hahn und stieg von der Ente.